12. Netzwerktreffen: Gesundheit für alle

12. Netzwerktreffen des Netzwerkes „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“

Thema: Gesundheit für alle

im TPG Maker Lab, Bahnhofstraße 13, Merseburg, am 04.06.2026

Bericht

 

Gesundheit ist weit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie ist Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung. Gleichzeitig steht das Gesundheits- und Pflegesystem vor tiefgreifenden Herausforderungen:
Der demografische Wandel, Fachkräftemangel, steigende Kosten und der rasante technologische Fortschritt verlangen nach neuen Lösungsansätzen. Nachhaltige Gesundheit bedeutet deshalb nicht nur, Krankheiten zu behandeln, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, die Prävention fördern, Ressourcen effizient nutzen und den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Vor diesem Hintergrund widmete sich das 12. Netzwerktreffen des Netzwerks „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“ am 4. Juni 2026 im TPG Maker Space in Merseburg dem Thema „Gesundheit“. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft diskutierten gemeinsam, wie Gesundheit und Pflege zukunftsfähig gestaltet werden können.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Dr. Sophie Kühling, Innovationsreferentin bei der IHK Halle-Dessau und Sprecherin des Netzwerks „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“. Sie stellte zunächst das Netzwerk vor, das Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammenbringt, um Nachhaltigkeit gemeinsam und aus unterschiedlichen Perspektiven zu gestalten. Das Schwerpunktthema „Gesundheit“ sollte dabei bewusst aus einer lösungsorientierten Perspektive betrachtet werden.

 

Keynote „Bereit für die Zukunft – Überlegungen zur Gesundheits- und Pflegebranche“

Jörg Heinrich, Hochschule Anhalt, Maker Education Lab

Den inhaltlichen Auftakt machte Jörg Heinrich von der Hochschule Anhalt, indem er ausgehend von seinen langjährigen Erfahrungen im Krankenhauswesen, im Management und in der Hochschullehre einen grundsätzlichen Blick auf die Zukunft der Gesundheits- und Pflegebranche warf.

Dabei machte Heinrich zunächst deutlich, dass Zukunft nichts Plötzliches oder Unvorhersehbares sei. Vielmehr entstehe sie aus Entwicklungen, die sich über Jahrzehnte ankündigen und durch heutige Entscheidungen beeinflusst werden können. Demografischer Wandel, Klimawandel oder Künstliche Intelligenz seien keineswegs neue Phänomene – vielmehr begleiteten sie Gesellschaft und Wissenschaft bereits seit vielen Jahrzehnten. Entscheidend sei deshalb der Wandel von einer „Zukunftsignoranz“ hin zu einer „Zukunftsnavigation“, also einer aktiven Gestaltung statt eines bloßen Reagierens.

Gleichzeitig beschrieb Heinrich die zunehmende Dynamik technologischer Entwicklungen. Während Menschen früher Zeit hatten, sich schrittweise an neue Technologien zu gewöhnen, verlaufe Innovation heute zunehmend exponentiell. Künstliche Intelligenz, Robotik oder Neuroimplantate seien längst keine Zukunftsmusik mehr. Umso wichtiger sei die Frage, welchen Zweck Technologie erfüllen solle. Frei nach Christian Louis Lange erinnerte Heinrich daran: „Technologie ist ein nützlicher Diener – und ein gefährlicher Meister.“

Anschließend gab er einen Überblick über aktuelle Entwicklungen der Gesundheits- und Pflegebranche: Gesundheits-Apps, Wearables, Telemedizin, Pflegerobotik, Big Data oder elektronische Patientenakten werden die Versorgung ebenso verändern wie neue Therapieformen auf Basis von DNA-Analysen oder Gen-Editing. Gleichzeitig zeichne sich ein struktureller Wandel des Gesundheitswesens ab – mit stärker vernetzten Gesundheitszentren, einer engeren Zusammenarbeit verschiedener Professionen und einer veränderten Aufgabenverteilung zwischen akademischen und nicht-akademischen Gesundheitsberufen.

Im Mittelpunkt seines Vortrags stand jedoch weniger die Technik als vielmehr die Zukunftskompetenz. Zukunft müsse bewusst gedacht und gestaltet werden. Dazu gehöre, sich regelmäßig zu fragen: Was wird geschehen? Was könnte geschehen? Was soll geschehen? Und was müssen wir heute tun, damit genau diese Zukunft Realität wird? Heinrich plädierte deshalb für „Präsilienz“ – also ein aktives Vorbereiten auf zukünftige Entwicklungen – sowie für eine „Konkrethik“, die erkannte Handlungsbedarfe konsequent in praktisches Handeln überführt. Sein Fazit brachte diesen Gedanken in den Worten Perikles‘ auf den Punkt: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.“

 

Kurzvorstellung des Projektes “Innovationsregion für die digitale Transformation von Pflege und Gesundheitsversorgung (TPG)”

Dr. Elisa Haucke, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Das „TPG“ ist eines von drei Strukturwandelprojekten der MLU und zugleich das Einzige, das sich gezielt den Zukunftsthemen Gesundheit und Pflege widmet. Der Strukturwandel geht im Mitteldeutschen Revier mit weitreichenden wirtschaftlichen Veränderungen einher und eröffnet zugleich neue Entwicklungschancen. Der demografische Wandel verstärkt diesen Trend, wodurch Gesundheit und Pflege zunehmend als Zukunftsmärkte an Bedeutung gewinnen. Vor diesem Hintergrund verfolgt das TPG einen branchen-übergreifenden Ansatz, indem es Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammenbringt, um innovative Lösungsansätze für die regionale Versorgung zu entwickeln.

Zentrale Bausteine des Projekts sind Maker- und Education-Labs sowie Pflegeentwicklungszentren an insgesamt fünf Standorten im Süden Sachsen-Anhalts. Ergänzt wird dies durch regelmäßig stattfindende Innovation Summits, die den Austausch zwischen Forschung und Praxis fördern und innovative Ideen sichtbar machen.

Darüber hinaus verfügt das TPG über ein Förderprogramm mit einem Gesamtvolumen von rund 50 Millionen Euro, das Innovationen an den Schnittstellen zu anderen Branchen – etwa Materialentwicklung, Mobilität oder Produktdesign – unterstützt. Aktuell werden bereits 15 Projekte gefördert.

TPG Juryfilm | Videos & Filme auf Vimeo

 

Input 1 „Gesundheit durch Wise Work: Der vernachlässigte Erfolgsfaktor in der Arbeitswelt“

Dr. Elke Böckstiegel , Harmonia Logic AG

Im Mittelpunkt des anschließenden Inputs stand die gesunde Organisation von Arbeit. Gesundes Arbeiten entstehe nicht allein durch klassischen Arbeitsschutz oder betriebliche Gesundheitsangebote. Entscheidend seien vielmehr Sinnhaftigkeit, Selbstwirksamkeit, Gestaltungsspielräume sowie eine wertschätzende Führungskultur. Angesichts wachsender Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Lieferkettenproblemen oder geopolitischer Unsicherheiten würden Unternehmen häufig reflexartig auf Kostensenkungen setzen. Die Folge seien jedoch häufig Erschöpfung, steigende Fluktuation und sinkende Motivation.

Das Konzept „Wise Work“ verfolgt daher einen anderen Ansatz: Es betrachtet den Menschen als Ganzes und sucht Lösungen, die gleichermaßen den Bedürfnissen von Unternehmen, Mitarbeitern, Kundschaft und Umwelt berücksichtigen. Statt neue Standards einzuführen, gehe es darum, reale Probleme zu erkennen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Anhand eines Beispiels aus der Krankenhausversorgung zeigte Böckstiegel, wie organisatorische Veränderungen – etwa feste Stationen bei flexiblen Arbeitszeiten – sowohl Beschäftigten als auch Einrichtungen zugutekommen können. Reorganisation werde damit selbst zu einem Instrument gegen den Fachkräftemangel.

Für die praktische Umsetzung stellte sie einen fünfstufigen Prozess vor:

  1. Thema benennen: Was nervt hier eigentlich? Und ist mir das wirklich wichtig genug, um das ändern zu wollen?
  2. Betroffene erkennen: Welche Menschen, Prozesse, Räume etc. sind relevant?
  3. Konkrete Lösung erdenken: Wie könnte eine praktische Veränderung aussehen?
  4. Perspektive der anderen einholen: Was brauchen die anderen?
  5. Stimmigkeit prüfen: Passt die Lösung für alle?

Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung seien Offenheit, Neugier und ausreichend Zeit. Die positiven Effekte reichten von besserer Kommunikation über höhere Produktivität bis hin zu einer stärkeren Arbeitgeberattraktivität.

 

Input 2 „Was kann betriebliche Gesundheitsförderung für die psychische Gesund-heit Ihrer Mitarbeitenden leisten?“

Andreas Bessel, BGF-Koordinierungsstelle Sachsen-Anhalt

Anschließend machte Andreas Bessel von der BGF-Koordinierungsstelle deutlich, dass psychische Gesundheit ein komplexes Zusammenspiel persönlicher und äußerer Einflussfaktoren sei. Stress sei grundsätzlich nichts Negatives – problematisch werde er erst dann, wenn keine ausreichenden Erholungsphasen mehr folgten. Ziel betrieblicher Gesundheitsförderung müsse deshalb sein, Mitarbeiter dabei zu unterstützen, ihre eigene Gesundheit besser wahrzunehmen und Verantwortung für sie zu übernehmen.

Dabei gehe es ausdrücklich nicht in erster Linie um Obstkörbe oder Yoga-Angebote. Viel wichtiger seien gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen, klare Erwartungen, funktionierende Prozesse sowie die Förderung von Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung. Eine entscheidende Rolle komme dabei den Führungskräften zu.

Da die Angebote der BGF-Koordinierungsstelle von den Kranken- und Rentenkassen finanziert werden, können insbesondere kleine und mittlere Unternehmen diese kostenfrei in Anspruch nehmen.

 

Input 3 „Essverhalten und psychische Gesundheit“

Prof. Katja Kröller, Hochschule Anhalt

Einen anderen Zugang zur Frage der Gesundheit wählte anschließend die Gesundheits- und Ernährungspsychologin Prof. Katja Kröller. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Organisation von Arbeit, sondern die Frage, wie bereits alltägliche Gewohnheiten – insbesondere das Essverhalten – die psychische Gesundheit beeinflussen können. Sie machte deutlich, dass bereits kleine Veränderungen positive Effekte erzielen können. Entscheidend seien nicht Perfektion, sondern Kontinuität. Da Essen ohnehin mehrfach täglich stattfinde, biete es zahlreiche Möglichkeiten, die eigene Gesundheit aktiv zu fördern.

Kröller erläuterte den Einfluss verschiedener Hormone und Neurotransmitter auf Wohlbefinden und Motivation. Regelmäßige Mahlzeiten, eine überwiegend pflanzen-basierte Ernährung, ausreichend Antioxidantien sowie eine gute Versorgung mit Mikronährstoffen wie B-Vitaminen, Magnesium, Zink, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D können demnach einen wichtigen Beitrag zur psychischen Gesundheit leisten. Auch gemeinsames Essen fördere durch die Ausschüttung von Oxytocin Zufriedenheit und Wohlbefinden. Den Teilnehmern gab sie als praktisch umsetzbare Empfehlung mit: „Jeden Tag eine Handvoll Nüsse essen.“

 

Erfahrungsbericht „17kg weniger, mehr Energie im Alltag – Mein Weg zu mehr Leistungsfähigkeit als Unternehmer und Familienvater“

Marcus Drabon, Unternehmer und DJ

Nach einem musikalischen Intermezzo am E-Cello gestaltete Marcus Drabon den Abschluss mit einem sehr persönlichen Erfahrungsbericht über seine eigene „Body Recomposition“, in deren Verlauf er seit Ende 2025 rund 17 Kilogramm Körpergewicht reduziert und gleichzeitig Muskelmasse aufgebaut hat.

Sein Ansatz orientiert sich bewusst an Methoden des Unternehmensmanagements: Ziele definieren, Kennzahlen messen und kontinuierlich optimieren. Kalorien, Schritte, Proteinzufuhr oder Trainingsfortschritte seien dabei vergleichbar mit den Kennzahlen eines Unternehmens. Entscheidend seien jedoch Geduld, Konsequenz und Selbstfürsorge. Sein Fazit lautete: „Du bist der CEO deines eigenen Lebens. Führe deinen Körper wie ein Unternehmen. Miss. Optimiere. Bleibe konsequent.“

 

Fazit:

Zum Abschluss griff Dr. Sophie Kühling den roten Faden der Veranstaltung noch einmal auf. Gesundheit sei eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung – sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Gleichzeitig dürfe bei allen Bemühungen eines nicht vergessen werden: „Wer gesund stirbt, ist trotzdem tot. Also Spaß nicht vergessen!“ Mit dieser augenzwinkernden Botschaft lud sie die Teilnehmenden zum weiteren Austausch auf dem Markt der Möglichkeiten ein und ermutigte Interessierte, sich dem Netzwerk „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“ anzuschließen.

Das 12. Netzwerktreffen machte deutlich, dass nachhaltige Gesundheit weit über medizinische Versorgung hinausgeht: Sie entsteht dort, wo Technologie verantwortungsvoll eingesetzt wird, Organisationen den Menschen in den Mittelpunkt stellen und jeder Einzelne bereit ist, Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen.